Mira bei RADIO 21: Jürgen Klopp

Verfasst von am 06. Dezember 2014 in Menschen der Woche - das Archiv

Was ist bloß los mit Erfolgstrainer Jürgen Klopp? Vom Beinahe-Sieg bei der Champions-League auf den Abstiegsplatz, der Charme-Bolzen des deutschen Fußballs ist mit seiner Mannschaft – gelinde gesagt – richtig abgeschmiert. Ich gehe davon aus, dass ein Sieg allein nicht ausreicht, um Klopp aus seiner Trägheit rauszureißen. Er sagt zwar, dass er noch nie so viel gearbeitet habe wie in diesen Wochen. Doch wie sehr er selbst unter dem Abstiegsplatz leidet, sehen wir nicht. ER zeigt es nicht. Er kämpft lieber – und sagt das auch: „Ich bin niemand für einen Rücktritt. Ich mache das ganz und gar nicht. So lange Dortmund das möchte, mache ich das auch. Ich bin ein Kämpfer.“ Doch wie lange kann sich Klopp noch halten?

Rücktritt oder nicht?

Ich denke nicht, dass Jürgen Klopp jetzt schon aufgibt. Dazu würde ja gehören, dass er sich seinen eigenen Misserfolg eingesteht – und das tut er nicht. Im Gegenteil. Er hat ja immer noch große Schwierigkeiten zu zeigen, dass er selbst auch extrem unter dem Misserfolg leidet. Menschen mit einer Persönlichkeitsstruktur wie Klopp sie hat, verkaufen selbst den größten Misserfolg noch als gute Leistung. Sie verschönen das Ergebnis und münzen jede Niederlage in einen Teilsieg um, setzen ihr Pokerface auf. Sprich: Sie tragen eine Maske.

Jürgen Klopp fehlt das, was für ihn so wichtig wie die Luft zum Atmen ist: Erfolg. Menschen mit dieser Persönlichkeitsstruktur tun alles für Anerkennung, sie wollen gemocht werden und brauchen Applaus. Kloppo möchte in erster Linie von seinem Team gemocht werden, aber auch von den Journalisten, den Medien insgesamt, der Öffentlichkeit. Seine Auftritte bei den Pressekonferenzen sind legendär. Bei youtube kann man Nachmittage damit verbringen, seine Showauftritte zu bewundern. Menschen, die von einer inneren Maschine Erfolg angetrieben sind, sind wahre Menschenfänger. So wird JK ja auch immer wieder bezeichnet. Er ist unglaublich charismatisch und kann wunderbar mit Sprache umgehen, er ist locker und sympathisch. Das ist das Bild, das er in den Medien zeichnet. Und seine Herzlichkeit ist nicht gespielt.

Purer Enthusiasmus

Klopp tut alles, was er tut, mit voller Leidenschaft – und da gehen auch mal die Pferde mit ihm durch. In diesen Momenten ist es ihm nicht mehr wichtig, was andere von ihm denken, dann zeigt er sein wahres Gesicht. Minuten später hat er sich wieder gefangen, ist super-charming und Everybodys Darling. Menschen wie Kloppo können ihre Stimmung ändern wie ein Chamäleon die Hautfarbe. Jürgen Klopp ist so offen und ehrlich, so locker und nicht abgehoben, weil er geliebt werden will. Sein lockerer Umgang mit Spielern und Medien dient dazu, gut anzukommen. Das ist seine unbewusste Antriebsfeder.

Sportliche oder berufliche Krise?

“Wer nur Erfolg haben will, hat nur eine Chance: Bayern-Fan zu werden. Soll er damit glücklich werden.” Er betreibt mit diesem Ausspruch das beliebte Spiel: „Fishing for compliments“.

Ich gehe davon aus, dass die sportliche Krise ihre Wurzeln in einer persönlichen Krise hat.
Klopp sagt selber, dass ihm das Leben seit dem Sommer ein paar dicke Brocken in den Weg gelegt habe. Was er damit genau meint, kann ich nicht sagen. Fest steht jedoch, dass Menschen wie Klopp eingehen wie eine Primel, wenn sie verletzt wurden und wenn der Erfolg ausbleibt. Wenn die Anerkennung fehlt. Das muss und wird bei ihm auch passiert sein.

“Ich bin ein besserer Trainer als 2012, aber man sieht es an der Tabelle leider nicht”

… das sagt Jürgen Klopp selbst. Mit diesem Ausspruch macht er deutlich, dass der Grund für die Krise ein anderer sein muss, als wir vermuten. Ich denke, dass er selbst nicht an sich glaubt, dass sein Selbstwert ziemlich im Keller ist. Er sollte sich also um sich selbst kümmern, wieder lernen, an sich zu glauben. Ich empfehle einen Coach. Denn wer coacht eigentlich den Coach?

Er benötigt auch die Bestätigung vom Team: Dass seine Mannschaft an ihn glaubt, dass sie ihn nicht verantwortlich macht für das, was da in den letzten Monaten passiert ist. Er braucht Motivation vom Team. Das Dumme ist nur, dass die genau das von ihm auch erwarten. Die Frage ist also: Wer wartet hier eigentlich auf wen? Zu seinem Job gehört es, dass er derjenige ist, der die Bestätigung zu gibt. Mal sehen, wohin das führt. Aber letztlich mache ich mir da keine großen Sorgen, denn er ist durchaus ein reflektierter Mensch.

Erfolg als Ansporn

Eigentlich müsste Jürgen Klopp einen Preis bekommen, einen Auszeichnung, einen Super-Werbedeal, was auch immer. Letztlich ist es egal, von wem die Anerkennung und der Applaus kommen – ohne Erfolg fällt Jürgen Klopp in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Und es ist ja klar, dass er in so einem Zustand sein Team nicht erreicht. Hier beißt sich die Katze also in den Schwanz. Er braucht Bestätigung und Erfolgserlebnisse, dann bekommt er wieder ein Gefühl für seinen Selbstwert. Dann ist er auch wieder der charmante, sympathische, lockere Kloppo, der Pressekonferenzen als One-Man-Show gestaltet und Worte wie Feuerwerksböller verwendet. Im Moment sitzt er ja vor den Journalisten mit tief ins Gesicht gezogener Kappe und versucht, mit lauen Scherzen die Meute bei Laune zu halten. Mal darauf achten: In älteren Aufzeichnungen fällt einfach auf, wie oft er das Wort „großartig“ verwendet, es ist typisch für ihn und seinen Wortschatz. Im Moment sagt er es gar nicht, wohl weil er sich selbst nicht für großartig hält. Kriegt er das geändert, kommen auch der sportliche Erfolg und der „alte“ Kloppo wieder.