Mira bei RADIO 21: Claus Weselsky

Verfasst von am 29. November 2014 in Menschen der Woche - das Archiv

Zurzeit ist er wohl der meistgehasste Mensch Deutschlands: Claus Weselsky, Chef der Gewerkschaft GDL. Seit Wochen halten die Streiks der Lokführer die Nation in Atem – und es ist kein Ende in Sicht. Das Verständnis der Deutschen für die Streiks schwindet derweil wie das Eis am Nordpol. Und alle fragen sich: Warum macht der das? Und: Wird vor Weihnachten wieder gestreikt?

In den Medien wird Gewerkschaftsboss Weselsky gern als Machtmensch bezeichnet. Ich sehe bei ihm eher eine andere Persönlichkeitsstruktur: Weselsky ist fixiert auf Kampf. Machtmenschen sind Menschen, die die Macht bereits haben. Claus Weselsky hingegen hätte sie gern. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied.

Macht versus Kampf

Die Unterschiede kann man Verhalten festmachen, am Auftreten, der Physiognomie, der Wortwahl, dem Sprachstil etc. Also letztlich auch an dem, was der Mensch tut – oder eben nicht tut. Das menschliche Verhalten wird durch einen unbewussten Antrieb gesteuert. Wir können 10 verschiedene Motive definieren. Bildlich gesprochen handelt es sich um innere Maschinen, die ein bestimmtes Produkt herstellen, wie zum Beispiel Perfektion, Erfolg, Sicherheit oder Spaß. Auf dieses Produkt ist der Mensch so sehr fixiert, dass es in seinem Leben einen übergeordneten Stellenwert hat.

Wie gesagt, ich sehe bei Claus Weselsky, wie in ihm die innere Maschine Kampf agiert. Das ist sein Lebensprinzip, sein Motor. Er kämpft gegen die Bahn und um die Macht -– egal, wie lange es dauert.

Ein Mensch, der die Macht bereits innehat, muss sie nur noch verteidigen, er haut – wenn überhaupt – von oben drauf. Am menschlichen Beispiel erklärt: Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte ein natürliches Verständnis von Macht und zu jeder Zeit eine starke Aura, strahlte eine staatstragende, sehr gelassene Autorität aus. Als Pendant: Wladimir Putin, er wirkt zu jeder Zeit angespannt, immer auf der Hut. Putin kämpft allerdings nicht nur gegen Gewerkschaften oder Unternehmen, sondern gleich gegen die ganze Welt. Ja, ich gehe davon aus, dass Wladimir Putin und Claus Weselskys Persönlichkeitsstrukturen sehr ähnlich gestrickt sind. Beide streben nach Macht – darum sind sie so gefährlich und unaufhaltbar. Weselsky glaubt ja immer noch, dass er für die gute Sache kämpft – obwohl sich sogar sein Ziehvater, Ex-Gewerkschaftsboss Manfred Schell, inzwischen von ihm distanziert. Zitat Schell über Weselsky: “Der stellt sich hin, als würde er zum Heiligen Krieg aufrufen. Nur um sein Ego zu stärken”. Machtmenschen, wie Schell selber einer ist, brauchen ihr Ego nicht zu stärken – sie haben eins.

Die innere Maschine von Claus Weselsky erklärt auch, warum er so starrsinnig bei der Sache bleibt. Menschen, die mit ihrer inneren Maschine Kampf produzieren, können mit dem Kampf nicht aufhören – auch wenn er schon verloren ist. Genauso wenig übrigens, wie Machtmenschen ihre Macht abgeben können – das konnten wir am Abend der Bundestagswahl ganz gut beobachten, als Gerhard Schröder darauf beharrte, Bundeskanzler bleiben zu wollen.

Die Persönlichkeit

Weitere Charakteristika? Weselsky kämpft strategisch und denkt langfristig. Dabei bleibt er völlig rational – im Gegensatz zu Machtmenschen, die gern auch mal emotional werden und ihre Wut, die sie im Bauch haben, ungefiltert rauslassen. Machtmenschen reden erst und denken dann, bei Weselsky ist es umgekehrt. Emotional zu werden, das kann sich Weselsky auch gar nicht leisten, wenn er auf seinem Posten bleiben will. Er baut sich kontinuierlich sein Image auf, und zwar das eines unerbittlichen Kämpfers. Nicht umsonst bezeichnen ihn die Medien inzwischen als „Streik-Rambo“.

Kein Rezept?

Was kann nun die Bahn, was kann die Öffentlichkeit gegen so jemanden tun?
Ohne Gegner kein Kampf. Es ist leider so: in diesem Fall hilft nur einlenken. Das wird allerdings zur Folge haben, dass Weselsky sich gleich einen neuen Grund suchen wird, um weiterzukämpfen. Ihm Grenzen zu setzen, hilft nicht. Er wird sie nicht akzeptieren und weiter um seine Autonomie kämpfen. Das einzige, was helfen würde: Anerkennung für das, was er tut. Das würde ihn am ehesten dazu bewegen, die Boxhandschuhe auszuziehen. Und darauf vertrauen, dass die Politik die Sache regelt … und eine Entscheidung um den Streitpunkt Tarifeinheit forciert.

Tipps fürs Zwischenmenschliche

Wenn Sie es nun mit einem Menschen zu tun haben, der mit seiner inneren Maschine Kampf produziert, was tun? Zunächst gilt es zu verstehen, dass dieser Mensch nicht nur gegen mich oder die Sache kämpft, sondern immer auch gegen sich selbst. Das entspannt die Situation schon mal immens. Stellen Sie sich vor, eine Mutter ist mit ihrem Kind auf dem Spielplatz. Das Kind ist dabei, auf einen Baum zu klettern. Die Mutter sagt: „komm da runter, Du kannst das nicht, Du bist noch zu klein.“ Dann gibt es zwei Möglichkeiten: die einen Kinder klettern wieder runter und sagen sich: „Stimmt, ich kann das noch gar nicht.“ Und die anderen klettern weiter mit dem Gedanken: „Klar kann ich das!“ Die müssen sich ständig beweisen, dass sie unabhängig sind und keine Angst haben. Dumm ist nur: was passiert, wenn dieses Kind vom Baum wieder runterkommt? Es kriegt wahrscheinlich ne Menge Ärger…

Dadurch entsteht der Kampf, zuerst gegen sich selbst, also gegen die eigene Angst, im zweiten Schritt gegen jeden, der überhaupt nur versucht, das Kind aufhalten zu wollen. Dieser Kampf wird verinnerlicht und zum Lebensprinzip, zum Prinzip CONTRA.
Menschen mit dieser Persönlichkeitsstruktur sind aus Prinzip immer dagegen, sie finden sich nicht mit Regeln oder Vorschriften ab und kämpfen beharrlich um ihre Unabhängigkeit. Egal was es ist: Ampeln, Arbeitszeiten, Unkraut oder einfach nur der Wind: das Selbstbild dieser Menschen sagt: Ich muss kämpfen, im Zweifel auch gegen Windmühlen.

Was kann ich machen – als Partner, als Freundin oder Chef?
Auslaufen lassen. Ignorieren. Keine Boxhandschuhe anziehen und bloß nicht in den Ring steigen, das gibt nur unnötigen Zündstoff. Sich rausziehen und die Filme des anderen weitgehend ignorieren, auch wenn´s schwer fällt. Ein Kampf ohne Gegner wird schnell langweilig.