Mira bei RADIO 21: Martin Schulz

Verfasst von am 30. November 2016 in RADIO 21

Es zieht ihn nun doch nach Berlin: EU-Präsident Martin Schulz hat mit seiner Ankündigung, in die Bundespolitik zu wechseln, ordentlich Staub aufgewirbelt. Viele sehen darin eine Kampfansage an den Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel: Wer wird Kanzlerkandidat der SPD. Uns beschäftigt viel mehr die Frage: Wie tickt Martin Schulz? Unser „Mensch der Woche“?

Blass, grau, aber leidenschaftlicher Politiker

Er ist mutig und kämpferisch – obwohl er nicht so wirkt. Menschen, die ihn persönlich getroffen haben, bescheinigen ihm eine ordentliche Dosis Charisma. Bei den Deutschen ist er durchaus beliebt – doch letztlich kennt kaum jemand den eher unscheinbaren Politiker aus Würgelsen. Martin wer?

Aus dem Verhalten, dem Auftreten und der Wirkung von Martin Schulz können wir die intrinsischen Motivationen Sicherheit und Kampf herauslesen. Beide inneren Antriebe treten gern im Doppelpack auf, mal überwiegt die Tendenz zur Sicherheit, mal der Wille zum Kampf. Die intrinsische Motivation Sicherheit erklärt Zögern, Zaudern und Zweifel und ein unscheinbares, freundliches, zurückhaltendes Auftreten einer Persönlichkeit. Die intrinsische Motivation Kampf in Form von (Über-)Mut, Beleidigungen und Provokation wirkt oft wie ein zweites Gesicht der Person. Letztlich finden wir die Vereinigung beider Motive im Faustschen Mythos wieder: „Zwei Seelen schlagen ach’ in meiner Brust.“ In der Biografie von Martin Schulz lassen sich Hinweise finden, dass bei Martin Schulz die dunkle Kampfesseite, die inneren Dämonen, bereits einmal Überhand gewonnen haben: Als junger Mann wollte er Profi-Fussballer werden. Dieser Traum wurde durch eine schwere Knieverletzung jäh zerstört. Schulz gab sich seinem Frust hin und wurde noch als Jugendlicher zum Alkoholiker. Schulz über Schulz: „Ich war ein Sausack und kein besonders angenehmer Schüler.“

Mit 24 Jahren ist er am Boden, will sich umbringen. Mit letzter Kraft nimmt er Kontakt zu seinem Bruder auf. Diese Nacht wird zum Wendepunkt in seinem Leben: Er rappelt sich wieder auf, macht eine Lehre zum Buchhändler und tritt fortan einen eher nach außen gerichteten Kampf an: Martin Schulz geht in die Politik.

„Ich werde kein bequemer Präsident sein“ – Schulz bei seiner Antrittsrede im EU-Parlament

Menschen, die von den intrinsischen Motivationen Sicherheit und Kampf angetrieben werden, sind im Auftreten charmant und zurückhaltend (motiviert durch das Bedürfnis nach Sicherheit), können aber auch anders: Von jetzt auf gleich schalten sie um und sind plötzlich auf Krawall gebürstet, was Menschen in ihrer Umgebung oft nicht verstehen – und sie selbst übrigens auch nicht. Martin Schulz nimmt oft das Wort „Vertrauen“ in den Mund, obwohl es ihm selbst daran am meisten mangelt: Menschen, die intrinsisch von Sicherheit und Kampf motiviert sind, sind ständig auf der Hut, strategische Kämpfer. Sie kommen erst aus der Deckung, wenn sie sich absolut sicher fühlen. So wie Schulz auch auf den „richtigen“ Moment gewartet hat, um auf der bundespolitischen Bühne zu erscheinen. Das mag Kalkül sein – ich tippe eher auf Ursprünge in der Persönlichkeitsstruktur.

Impulsives Ausloten von Grenzen

Seit 18 Jahren gehört Schulz dem EU-Parlament an – doch in Deutschland ist er bisher weitgehend unbekannt. Es heißt, niemand ärgere das mehr als Martin Schulz. Und letztlich verbindet ihn die Frage, warum er nicht gesehen wird, mit seinem ärgsten Widersacher Sigmar Gabriel – der ebenfalls nicht versteht und dementsprechend damit hadert, nicht gemocht zu werden. Vielleicht verbindet die beiden darüber hinaus noch mehr, als ihnen lieb ist …

Schulz oder Gabriel? Mehr dazu im Talk bei RADIO 21.

Wie funktioniert Key to see®?
Die Key to see®-Methode basiert auf einer Jahrtausende alten Typologie, übersetzt in die heutige Zeit und ergänzt mit tiefenpsychologischen Methoden. Um Persönlichkeitsaspekte von Personen des öffentlichen Lebens herausfiltern und daraus Anhaltspunkte für die Gründe ihres Handelns zu finden, durchforstet Mira Mühlenhof Biographien, Wikipedia-Einträge und Berichte im Internet, analysiert YouTube-Videos von öffentlichen Auftritten und liest Aspekte aus Facebook-Einträgen und Postings – auch von anderen Nutzern. „Es ist wie das Zusammensetzen eines großen Puzzles“, sagt Mira. „Wir erhalten wertvolle Erkenntnisse über die intrinsische Motivation unserer Mitmenschen und können ihr Verhalten besser nachvollziehen. Das Nachfühlen von Handlungsmotiven dient somit als Basis für mehr Verständnis und Empathie.“